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Nach der Integration ist vor der „Intekrassion”
25.05.2011 18:12 (5294 x gelesen)

Intekrassion ist das, sagt Ali. Das ist keine schlechte Phonetik, sondern so eine Art literarisches Mittel, um die Bedeutung von Integration zu verdeutlichen: Integration ist „krass“.

Integration > Intekrassion © lumaxart auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG



VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus

 

„Intekrassion“? Aha. Ein Neologismus aus sarrazinischem Englisch und jugend-türkisch-deutsch, dachte ich mir. Ja, so nah kann einer, linguistisch gesehen, denen sein, die er eigentlich am liebsten weit weg vertreiben würde. „Intekrassion“ ist ein Novum, das als einzige Vokabel zu diesem Thema frei von Forderungen ist und die Eigenhaltung der zu Integrierten beinhaltet. Nämlich: Integration ist „krass“. So „krass“, wie eine radikale Diät.

Will man integriert sein, muss man auf Vieles verzichten. Am besten auf alles, was auf andere Herkunft, kulturellen und religiösen Hintergrund verweist. Ein kulturelles Fasten, Ramadan, der aber nicht einen Monat, sondern schon mindestens ein Jahrzehnt andauert – so lange eben, wie die Integrationsdebatte schon läuft. Bei einer erfolgreichen Diät verliert man Pfunde. Bei erfolgreicher Integration – anscheinend sich selbst.
 
So wie mein Bekannter Ali, den die Integrationsdebatte zum Wahnsinn getrieben hat: „Was soll ich denn noch tun, um integriert zu wirken? Haar blond färben? Blaue Kontaktlinsen einsetzten? „Ü“´s aus meinem Nachnamen entfernen?
Das würde vielleicht helfen. Jedenfalls um einen anderen Hintergrund zu bekommen: statt dem Migrations- einen Integrationshintergrund. Die Frage ist nur, wie weit man damit kommt? Bis zur nächsten Kreuzung in der üblichen „aber“-Definition. Denn nach der Integration ist vor der „Intekrassion“. Vorher: Araber aber Arzt, Türkin aber selbstbestimmt, Muslim aber modern. Nachher: Arzt aber Araber, selbstbestimmt aber Türkin, modern aber Muslim.
Kann man sich bei der Integration steigern? Wer ist denn am integriertesten? Die am wenigsten „ü“ ´s im Nachnamen haben oder die das partizipieren, was keine intellektuellen Leistungen bedarf? Ausziehen! Ach was, nackte Tatsachen von Sıla Şahin ändern die Sache nur bedingt! Integrationshintergrund hat sie sich zwar gesichert. Aber. Was für ein Paradox: Nackt ist frau erst recht eine Türkin. Vorher: Deutsch-Türkische Soap Darstellerin, nachher: eine nackte Türkin.
 
Ali, lass dein Haar schwarz, und auf blaue Kontaktlinsen kannst du pfeifen. Die braunen Augen stehen dir total, so wie dein Doktortitel und dein perfektes Deutsch. Das Vorher-Nachher-Spiel kannst du dir sparen. Denk lieber an die zwei Öltropfen im Paolo Coelhos Roman „Der Alchimist“. An die Geschichte, wo der Sohn eines Geschäftsmannes sich im Palast eines Weisen umsehen soll. Er trägt einen Löffel mit zwei Tropfen Öl in der Hand und darf es nicht ausschütten. Bei dem ersten Gang durch den Palast konzentriert er sich nur auf das Öl und bemerkt nichts von den Palastschätzen. Beim zweiten Gang achtet er schon auf die prächtige Einrichtung des Palastes, aber passt auf das Öl nicht auf und verschüttet es. Da sagt der Weise zu ihm: „Das Geheimnis des Glücks besteht darin, alle Herrlichkeit dieser Welt zu schauen, ohne darüber die beiden Öltropfen auf dem Löffel zu vergessen.“
 
Womöglich ist es nicht nur das Geheimnis des Glücks, sondern auch das der Integration. Schaut man nur umher, ohne auf die Öltropfen in eigenem Löffel zu achten, verliert man sie. Achtet man nur auf das Öl – erfährt man nicht von den schönsten Schätzen der umgebenden Welt. Eigene Kultur behalten zu können ohne die andere aus den Augen zu verlieren ist eine Kunst für sich. Das Äußere allein, genauso wie der Name, sind keine Kulturen, aber sie deuten auf solche hin.
Es ist nicht einfach, durchzublicken, was die Steigerung der Integration ist. Man kann dagegen die Komparation der „Intekrassion“ einfacher definieren. Bzw. das, was Integration zur „Intekrassion“ macht: „Krass“ ist, die Kulturen in Menschen nicht zu erkennen. „Krasser“ ist, zu übersehen, dass jeder Mensch einen Löffel mit zwei Öltropfen trägt. Und „am krassesten“ ist, von einem zu erwarten, dass man sie ausschüttet einer anderen Kultur wegen.
 
Wenn die Kulturen des Abendlands und die des Morgenlands, der Orient und der Okzident, Menschen wären, würden sie sich bei der Begrüßung in die Arme schließen, sich gegenseitig einladen, ihre Schätze und ihr Reichtum einander stolz präsentieren, zur besten Mahlzeit einladen, zusammen dinieren und weise Geschichten einander erzählen, vielleicht auch bei den Gedichten und leiser Musik die Seele baumeln lassen und mit einem guten Rat einander stärken. Sie würden sich voller Stolz voneinander bis zum nächsten Mal verabschieden, in Stolz, sich in bester Form präsentiert zu haben, in Glück, das Beste von sich gegeben und das Beste empfangen zu haben. In Gewissheit, dass das Teilen einen nicht arm macht und die entgegengegangenen Schritte einen nicht schwächen. In Respekt, so von Kultur zur Kultur.
 
So wären die großen Kulturen imaginär personifiziert. In der Realität geht es um meinen Bekannten Ali in Deutschland und somit um eine Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft. Wer von Mehrheit und Minderheit spricht, spricht vom Relativen. Denn Minderheit ist woanders eine Mehrheit. Und Leitkultur ist woanders nicht leitend.
 
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