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Journalismus: Es ist an der Zeit, öfter Tacheles zu reden
18.05.2012 13:05 (5016 x gelesen)

Was tun, wenn Journalisten sich nicht vom Verlauf eines Gesprächs überraschen lassen, sondern dem Beitrag ihren vorbereiteten Stempel aufdrücken – klischeehaft, stereotypisch? Dieser Frage geht Didem Yüksel nach.

VONDidem Yüksel
Die Autorin, Erziehungswissenschaftlerin und Philologin, ist seit 2010 ehrenamtlich Bundesvorstandsmitglied der Türkischen Gemeinde in Deutschland (tgd), seit 2012 Vorstandsmitglied des Migrationsrats Berlin-Brandenburg e.V. Hauptamtlich arbeitet sie als Lebenskundelehrerin und Diversitytrainerin.DATUM9. Mai 2012.


Ich wurde letztens von einem großen Fernsehsender in meiner Rolle als Bundesvorstandsmitglied der Türkischen Gemeinde in Deutschland zum Thema Geschlechterquote interviewt. Mit der neuen Satzungsänderung hinsichtlich der Geschlechterquote gilt es, beide Geschlechter im Vorstand vertreten zu haben.

Obwohl es um das Thema Geschlechterquote ging, stellte der Journalist ständig die Frage, warum die TGD die Frauenquote einführen würde. Hinsichtlich dessen habe ich ihn immer wieder und massiv verbessert und gesagt, die TGD führe eine Geschlechterquote und keine Frauenquote ein. Dennoch werden beide Begrifflichkeiten in seinem fertigen Beitrag von ihm vertauscht und so gewählt, wie es dem Journalisten gefällt.

Natürlich bin ich für Pressefreiheit. Aber ist das nun seine Vorstellung von der Pressefreiheit, um diese Wirklichkeit in der Mehrheitsgesellschaft mit Klischees verfrachtet darzustellen? Wem soll das nützen? Der Mehrheitsgesellschaft? Dem Journalismus?

In diesem Interview hat der Fernsehjournalist ständig klischeehafte Fragen gestellt, seine allererste Feststellung handelte davon, dass ja der türkische Mann ein Macho sei. Meine Antwort war, dass dies nicht verallgemeinert werden könne, da dies auf Männer zutreffen oder auch nicht zutreffen könne.

Da meine Antworten ihn nicht zufriedengestellt haben, hat er seine Haltung zu türkischen Männern in seinem O-Ton verdeutlicht. Darin heißt es: „Fortschritt ist dringend nötig, glaubt man dem Klischee, wonach viele Deutschtürken in einer Männermachowelt leben und Frauen höchstens ausnahmsweise unabhängig sind…“ Um seine Klischees aufrechtzuerhalten hat er folgende Bilder in den Beitrag hineingeschnitten: Es werden Männer in einem Türkischen Cafe und eine kopftuchtragende Frau auf einer Straße gezeigt. Diese Bilder unterstützen den Aufbau von Vorurteilen in unserer Gesellschaft, bzw. zementieren sie. Sie lassen außer Acht, dass auch die türkische Gesellschaft in Deutschland heterogen und nicht homogen ist.

Er stellte weiter stigmatisierende Fragen in Bezug auf die türkischen Frauen. Ich ließ auch hier keine Verallgemeinerung zu und gab Beispiele dafür, dass es in der Türkei, verglichen mit anderen europäischen Ländern, einen höheren Anteil von Frauen unter Professoren gibt. Dies wird in seinem Beitrag nicht erwähnt.

Schließlich landeten wir beim Thema Schule und ich sagte, dass in Grundschulen mehr Lehrerinnen arbeiteten als Lehrer und dennoch wären oft Männer Direktoren. Auch dass es Arbeitsstellen gibt, in denen Frauen im Vergleich zu Männern trotz gleicher Qualifikation schlechter bezahlt werden.

Was mich an diesem Beitrag am meisten gestört hat und noch immer stört: Obwohl ich mich sehr bemüht habe, die Klischeefragen des Journalisten zu dekonstruieren, indem ich Beispiele aus der Realität gab und seine Behauptungen zurückwies, hat er seine Pressefreiheit genutzt, um dann klischeehafte Bilder hineinzuschneiden. Damit werden seine Darstellungen der türkischen Community als These in der Öffentlichkeit als legitim dargestellt und so verleiht er seiner Stimme noch mehr Ausdruck, indem er die Realität über die heterogene Gruppe der Menschen mit türkischem Hintergrund hier völlig außer Acht lässt.

Und er geht noch einen Schritt weiter, indem er seine Thesen in einem zweiten Beitrag platziert hat. Hier arbeitet er diese Klischees noch stärker heraus, z.B. indem Knoblauchzehen für Menschen mit türkischem Hintergrund versus Kartoffeln für Menschen mit deutschem Hintergrund als Figuren eingesetzt werden und am Ende des Beitrags kommt der O-Ton: „Auch wenn die Türken nun die Quote haben. Kein Mann muss fürchten, dass die was bewirkt. Denn Frauenquoten sind in Deutschland meistens nur ‚getürkt‘.“ Er verwendet das Wort „getürkt“ unreflektiert und ohne das Bewusstsein, dass dieser Ausdruck andere Menschen verletzen oder stigmatisieren und andererseits die rassistischen Positionen stärken kann. Ich denke, dass dieser und auch viele andere Journalist/innen die Zuschauer/innen mit türkischem Hintergrund ignorieren, die diese Ausdrucksweise unpassend und demütigend finden.

Diese Art von Medienmenschen sollte über die einseitige Sichtweise in ihrer Berichterstattung nachdenken und unbedingt einen Sensibilisierungsworkshop u.a. zum Thema Critical Whiteness nutzen. Dann würde dieser Journalist vielleicht seine eigenen Vorurteile reflektieren und auch lernen, Menschen mit türkischem Hintergrund als Individuen zu sehen und sie endlich in ihrer Wirklichkeit und Normalität auch in den Medien – ohne jegliche Verzerrung – darzustellen.


 


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